Psychische Belastungen verstehen

Neues Programm für Schulen ab Klasse 8

Mobbing in der Schule: Ein Grund für psychische Belastungen bei Jugendlichen

 

Ein Gespräch mit Michael Albers, Diplom-Psychologe und Leiter der Lebensberatungsstelle Walsrode.

Tina Rühlmann: Worum geht es bei dem Programm „Verrückt? Na und!“?

Michael Albers: Grundsätzlich geht es darum, das Stigma von psychischen Erkrankungen abzubauen und psychische Belastungen und Hilfebedarfe „aussprechbar“ zu machen. Das Programm gibt es schon eine Weile, und es ist bundesweit im Einsatz. Regionen wie zum Beispiel Rotenburg/Wümme bieten es bereits mit viel Erfolg an. Im Heidekreis haben wir eine lose Kooperation zwischen dem sozialpsychiatrischen Dienst, Jugendhilfeeinrichtungen wie Venito, den Schulsozialarbeiter*innen und uns als Lebens- und Erziehungsberatungsstelle. So tauschen wir uns ab und zu über die Situation von belasteten Kindern und Jugendlichen aus. In diesem Rahmen entstand die Idee, dass wir dieses Programm auch im Heidekreis anbieten könnten, quasi als Zusammenschluss von mehreren Trägern.

Tina Rühlmann: Wie kam es dazu, dass Sie ein Programm für psychisch belastete Jugendliche anbieten wollten?

Michael Albers: Je nachdem, welche Studie man sich anschaut, kann man sagen, dass im jugendlichen Alter etwa 10 % aller Jugendlichen von psychischer Belastung betroffen sind. Durch Corona hat das noch einmal erheblich zugenommen. Expert*innen gehen davon aus, dass bei jedem 20. bis 25. Jugendlichen eine mittel- bis schwergradige Belastung vorliegt, bis hin zu einer behandlungsbedürftigen Störung, die einer intensive Beratung oder Therapie bedarf. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf Depressionen, Angststörungen und Essstörungen. Man kann also davon ausgehen, dass in jeder Klasse von 25-30 Schüler*innen mindestens eine Person sitzt, deren psychische Belastung beratungs- oder behandlungsbedürftig ist.

Dazu muss man auch sagen, dass Kinder und Jugendliche den Grad ihrer eigenen psychischen Belastung selten reflektieren können. Sie merken nur, dass es ihnen schlecht geht und fühlen sich leider häufig „falsch“. In den wenigsten Fällen gehen Jugendliche offen mit ihrer psychischen Belastung um. Es ist eben nicht so einfach wie bei einem gebrochenen Bein. Da sagt jeder: geh‘ doch zum Arzt. Bei einer psychischen Belastung ist das nicht ganz so einfach daher gesagt. Betroffene Kinder und Jugendliche versuchen, verschiedenste Wege zu gehen, damit die Belastung nicht zu stark wird oder es nicht zu auffällig wird. Als Beispiel nenne ich hier mal den sozialen Rückzug, also den Rückzug aus der realen sozialen Welt in die sozialen Medien oder die eigene Medien- und Spielewelt. Sehr häufig hat dieser Rückzug auch damit zu tun, dass die eigentliche Ursache nicht bearbeitet wird. Und dass Jugendliche so handeln, hat viel damit zu tun, dass zum Einen nicht so viel Wissen vorhanden ist, und zum Anderen, dass psychische Störungen immer noch ein Stück weit als Zeichen von Schwäche angesehen werden. Es ist eben nicht so „normal“, damit zu einem Arzt zu gehen. Zu sagen, man ist psychisch belastet, hat leider für viele Menschen noch einen negativen Beigeschmack. Jugendliche berichten häufig von der Angst, als „Psycho“ abgestempelt zu werden. 

Tina Rühlmann: Wie funktioniert das Programm genau?

Michael Albers: Es setzt in erster Linie auf Aufklärung und darauf, psychische Belastungen insoweit zu normalisieren, als dass es einerseits völlig normal ist, psychische Belastungen zu empfinden und andererseits es gut und richtig ist, sich bei Bedarf Hilfe zu holen, dafür gibt es Leute, die helfen können. Früher bedeutete z.B. eine psychische Krankheit ein Stigma, man bekam das Gefühl, nicht mehr „gesellschaftsfähig“ zu sein. Sätze, wie „Ich bin wohl verrückt und gehöre in die Klapse“ zeigten zudem, dass Menschen mit einer psychischen Belastung das Gefühl hatten, nur sie seinen betroffen und fühlten sich alleingelassen. Doch man ist nicht alleine und es gibt viele Hilfsangebote! Grundsätzlich ist es sehr wichtig, schon frühzeitig Hilfe zu aktivieren. Je eher wir da etwas tun, desto besser ist es auch behandelbar und desto unbelasteter kommen die Kinder und Jugendlichen durch die Welt.

Tina Rühlmann: Wie läuft das in der Schule konkret ab?

Michael Albers: Wir gehen jeweils mit zwei Personen in eine Klasse, die einerseits selbst betroffen sind von psychischer Belastung und andererseits professionell mit Betroffenen arbeiten, ihnen also helfen. Wir gestalten mit der Klasse einen kompletten Vormittag und berichten aus dem praktischen Leben. Wir zeigen, welche Auswirkungen die Belastungen haben können und welche Wege es da raus gibt, was hilft. Es ist aber nicht als Frontal-Veranstaltung gedacht, sondern wir wollen mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen und zusammen das Thema erarbeiten. Das Programm ist so angelegt, dass die Jugendlichen ins Diskutieren kommen, dass sie auch selbst ihre Themen einbringen. 

Wir wollen auf Ebene der Jugendlichen mit ihnen an diesem Thema arbeiten und ihnen Hilfsangebote aufzeigen. Übungen und Diskussionen sollen auch in Kleingruppen stattfinden. Es geht darum, die Scheu zu verlieren und zu erkennen, dass man damit nicht allein ist. Ein großer Vorteil des Programms ist, dass es so niedrigschwellig ist, weil wir direkt zu den Jugendlichen gehen. 

Apropos Hilfe: Die wenigsten Jugendlichen kennen die verschiedenen Hilfs- und Beratungsangebote. Mit welchen Problemen/Fragen kann ich zur psychologischen Erziehungs- und Lebensberatungsstelle gehen? Wie kann mir eine Jugendhilfeeinrichtung wie Venito helfen? Was ist der Sozialpsychiatrische Dienst? Was ist mit Schweigepflicht und Datenschutz?  Wer erfährt, wenn ich zu einer Beratung gehe, wissen das dann meine Eltern oder Lehrer? Allein bei der Hilfesuche noch sehr viele Unsicherheiten.

Tina Rühlmann: Für welche Klassenstufen ist das Programm geeignet?

Michael Albers: Es ist gedacht ab Klasse 8, egal in welcher Schulform. Nach mehreren Untersuchungen hat man herausgefunden, dass es gut ist, es ab diesem Alter anzubieten, weil hier schon mehr Reflektion möglich ist.

Tina Rühlmann: Die Schulen müssen sich bei Interesse an Sie wenden?

Michael Albers: Interessierte Klassenleitungen oder Schulleitungen können uns anfragen. Wir gehen davon aus, dass wir ab dem Frühjahr 2026 so weit sein werden, dass wir in die Klassen gehen können. Momentan sind wir noch in der Aufbauphase. Die Trainer*innen-Tandems werden aktuell zusammengestellt und im Herbst entsprechend fortgebildet, denn sechs Schulstunden müssen ja auch vorbereitet werden. Danach gibt es voraussichtlich Pilotdurchgänge an ein oder zwei Schulen und mit dem kommenden Schulhalbjahr planen wir grob den Start. Schulen, die Interesse haben, können sich schon jetzt melden. 

Tina Rühlmann: Wie lange wird es das Programm geben?

Michael Albers: Das Programm ist zeitlich nicht begrenzt. Eine rechtzeitige Planung ist sinnvoll, da wir ja auch nicht die Kapazitäten haben, jede Woche in eine Schule zu gehen. Die Schulen müssen auch einen kleinen Unkostenbeitrag von wahrscheinlich ca.150 € entrichten.

Weitere Infos & Kontakt

Ansprechpartner ist Michael Albers von der Lebensberatungsstelle Walsrode. Er ist erreichbar unter 051 61 – 989 740 oder per Email unter lebensberatung.walsrode@evlka.de

Informationen über das Programm „Verrückt? Na und!“ sind hier https://www.irrsinnig-menschlich.de/psychisch-fit-schule/ abrufbar.